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Die Quinta-Essenz

Herrenhäuser werden auf Madeira zu Hotels. Die besten erkennt man an ihren feudalen Gärten mit uralten Bäumen. Von Elsemarie Maletzke

Foto © Anette Schweizer

Foto © Anette Schweizer (mit freundlicher Genehmigung) - weitere Madeira Bilder auf www.zeit.de

Der britische Generalkonsul Henry Veitch war ein Mann mit vielseitigen botanischen, politischen und erotischen Interessen. Es heißt, er habe auf dem Dach seines Hauses verschiedene Fahnen gehisst, je nachdem, welche Geliebte sich zu ihm in seinen 767 Meter über der Südküste von Madeira gelegenen Berggarten heraufbequemen sollte. Als 1815 die HMS Northumberland mit Napoleon an Bord vor Madeira ankerte, hatte Veitch, zum Ärger des Gouverneurs, dem Gefangenen seine Aufwartung gemacht, ihn mit »Majestät« angesprochen und eine größere Bestellung seines Madeira-Weins nach St. Helena aufgenommen. Von Veitchs Experimenten, Tee, Reis und Zimt anzupflanzen, ist heute nichts mehr zu sehen. Nur die ältesten Eukalyptusbäume der Insel haben auf seinem Anwesen überlebt. Den größten soll Captain Cook vor 235 Jahren gepflanzt haben, ehe er 220.000 Flaschen Süßwein fasste und in Richtung Tahiti davonsegelte. Hinter dem Haus liegt Generalkonsul Veitch auf einem Hügel unter einem Marmorobelisken begraben. Er hatte sich den Platz selbst ausgesucht. Zurück ins schottische Selkirk? Nicht, wenn man unter Lorbeerbäumen ruhen konnte.

Das Haus, in dem er vor 150 Jahren residierte, stand lange leer, drei Stockwerke in verblichenem Erdbeerrot mit Gauben und Arkaden im Grün der Bergfalte. Ein dunkler Wald aus Kastanien und Lorbeer war ihm vor die verrammelten Fenster gerückt. Vor sechs Jahren dann hat man das Haus renoviert, bonbonrosa verputzt und ihm einen neuen, weißen Flügel in die Seite gerammt. Aus der alten Quinta ist das Fünf-Sterne-Hotel Jardim da Serra geworden. In stundenlangem Schnipp, Schnapp hält jetzt der Gärtner die Buchsbaumhecke kurz, die sich in schönen Mäandern um die Rosenstöcke wickelt. Entlang der Hecke zieht sich ein miradouro, eine Aussichtsgalerie, durch deren Bögen der Blick auf Terrassenfelder, helle Dächer und das gehämmerte Silber des Atlantiks fällt. Als Quinta ist Veiths Haus nur noch Zitat.

Eine Quinta hieß Quinta, weil die Pächter früher den fünften Teil – quinta parte – ihrer Ernte an den Grundbesitzer entrichten mussten. Das war, bevor die Herrschaften selbst aufs Land zogen, sich elegante zitronengelb und erdbeerrot verputzte Häuser bauten, die verborgen in einem großen Garten lagen, dessen hohe Mauern keinen Zweifel am Status der Bewohner aufkommen ließen. Man nahm den Tee auf der Terrasse, umfächelt von Ingwer- und Frangipanidüften, und sah ringsum seinem Reichtum beim Wachsen zu: Wein, Bananen, Zuckerrohr. Und heute?

Die Gutshäuser verfielen oder wurden, wie das Domizil des Henry Veitch, zum Hotel umgebaut. 16 davon, alle mit vier und fünf Sternen geschmückt und fast alle in der Nähe der Inselhauptstadt Funchal gelegen, haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen, der den Gästen alles auf einmal bieten will: historisches Gebäude, komfortable Betten, feine Küche und Wellness-Abteilung. Doch weil das natürliche Habitat einer Quinta der große Garten ist, Madeiras Hauptstadt aber mit Platz geizt, ist nicht jede Hotel-Quinta gelungen.

Noch in den siebziger Jahren eine eher exklusive Sommerfrische am Meer, wächst Funchal mittlerweile wie weißer Grind die Berge hinauf. Immer neue, immer weniger schöne Hotels werden gebaut. Von oben besehen, wirkt die Südküste wie eine umsiedelte Carrerabahn; vierspurige Straßen schwingen sich als doppelt graues Band auf Stelzen um Felsnasen und verschwinden in aufgesperrten Tunnelrachen. Nur die besten unter den Hotel-Quintas konnten ihre stolzen Gärten behalten, sind konsequent Landhäuser geblieben – wie die Casa Velha do Palheiro mit hundert Jahre alten Bäumen auf hundert Hektar, mit Korbstühlen auf dem Rasen und Krocketschlägern in der Halle. Oder die Quinta Jardins do Lago; außen ganz südlich, mit grünen Klappläden und umwallt von Blauregen, im Innern very British, mit Chintzsofas, Posamenten, Himmelbetten und der Anrichte, die ein gewisser General Beresford 1808 im Speisesaal seiner damaligen Residenz stehen ließ.

Britisch ist auch die Sitte, dass die Kinder der Gäste zwar gesehen, aber nicht gehört werden sollen; sie speisen separat. Englisch spricht die alte Dame mit Strohhut, die im Garten die Strelitzien aquarelliert: Sie wirkt wie ein Sinnbild für die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Briten seit 200 Jahren auf einer portugiesischen Insel breit machen, weil 900 Kilometer vom iberischen Festland entfernt freudig wuchert, was weder in Hertford noch in Hampshire grünt: die blauen Bälle des Agapanthus, die weißen Kelche der Calla, die roten Köpfe der Kniphofia und die unglaublichen Blütenschwänze der Schwanenhals-Agave.

Die Quinta da Bela Vista liegt am Hang über Funchal in splendid isolation. Große Kapokbäume, die im Winter in rosa Blüten gehüllt sind, verleihen auch den neuen Gebäuden, die die Quinta überragen, Alter und Würde. Ihre Mauer geht über in ein Lusthaus, durch dessen Rundbogenfenster die Damen früher beim Sticken die Straße im Auge behalten konnten. Heute trinkt man dort seinen Poncha, etwas Wohlschmeckendes aus Zitrone, Zuckerrohrschnaps und Honig, ehe man sich zum Dinner unter den Kronleuchter im Herrenhaus setzt.

Seit 1844 ist Bela Vista im Besitz einer Familie. Dr. Robert Ornellas Monteiro, ein 71 Jahre alter Arzt und Antiquitätensammler, hat das ganze Ensemble – einschließlich der 60 neuen Zimmer – so verschwenderisch mit Möbeln, Gobelins und Geschirr ausgestattet, dass man sich zu Gast in einem Privathaus fühlt, nur dass sich der Gastgeber diskret entfernt hat. Dr. Monteiro wohnt jenseits der Gartenmauer in seinem eigenen Museum. Bewachungsmechanismen sind überflüssig. »Wir leben auf einer Insel«, sagt der Manager der Quinta. »Von hier kann man nicht so einfach mit einer Pendule oder einem Wedgwood-Teller im Koffer verschwinden.«

Im 19. Jahrhundert brachten die Touristen, die sich der ansässigen Gastronomie noch nicht anzuvertrauen wagten, ihre eigenen Möbel, Teller und Tafeltücher mit. Sie blieben auch gern etwas länger als heute üblich, und manche reisten gar nicht mehr ab. Der Schotte William Reid, der es vom Stift im Weinhandel bis zum Erbauer eines Palasthotels brachte, kam auf die Idee, ihnen Herrenhäuser in der Nähe von Funchal zu vermieten. Mr. Reid selbst wohnte am Berg in einer Quinta, die heute im Botanischen Garten liegt und in ihren hohen Räumen mit den glänzenden Fußbodendielen eine naturkundliche Sammlung von altmodischer Anmut beherbergt; blasses Meeresgetier in Glasgefäßen, Schränke mit ausgestopften Vögeln, Schneckenhäusern, Korallen, Fossilien und einen präparierten Hai in militärisch grüner Lederhaut, der auf einem Spieß durch die Mitte des Salons schwebt.

Der Charme der etwas mürbe gewordenen Familiensitze ist mit den Erfordernissen moderner Hotellerie eigentlich nicht kompatibel. Umgekehrt harmoniert eine Sauna mit Sound-System und Erlebnisdusche nicht immer gut mit den feudalen Gebäuden. Michael Zino, Co-Direktor eines Unternehmens, das auf Madeira Häuser und Land besitzt, spricht sogar von »Mord«. »Viele Quintas sind verschandelt oder abgerissen worden, und wofür? Die Regierung sagt, sie wolle Qualitäts-Tourismus, und trotzdem werden immer mehr billige Hotels für diese tätowierten englischen Bier-Heinis gebaut.« Zino ist selbst Brite, auf Madeira geboren, mit Vorfahren aus sechs Ländern. Nach seinem Vater Alexander, einem engagierten Naturschützer, heißt die Sturmschwalbe, die er vor der Ausrottung bewahrte: Zino’s Petrel, Pterodroma madeira. »Ich liebe mein Madeira, aber ich kann das Gerede vom Paradies nicht mehr hören.«

Die Familie Zino ist der größte Anteilseigner an einer der 16 Hotel-Quintas. Auf der Nordseite der Insel hat sie die Ruine eines Reidschen Hauses gekauft. Ein Hotel ist geplant. »Sehr viel andere Möglichkeiten gibt es nicht.« Michael Zinos private Quinta Margarida liegt in einer stillen Straße von Funchal. Afrikanische Tulpenbäume werfen ihre korallenroten Becherblüten darüber, Palmen wedeln, Bougainvilleen bedecken die Mauerkronen. In der Auffahrt ist das Jahr 1866 ins schwarzweiße Flusskieselpflaster eingelegt. Die Quinta Margarida zerfällt so langsam, aber noch lebt sie mit quietschenden Holzböden und dunklen Möbeln, Mr. Zinos Familienbildern, seiner Katze, seinen Büchern und seiner Sammlung von Tischlerwerkzeugen. »Ich hätte nie das Herz, sie zu verkaufen.«

Denn was wie Rettung aussieht, bedeutet oft das Ende. Zeitgenössische Anbauten verleihen historischen Gebäuden den Charme von Provinzkrankenhäusern. Es gibt aber auch Fälle, in denen moderne Architektur inspirierend auf die historischen Gemäuer wirkt. Sie blühen auf wie alte Damen, die sich einen intelligenten jungen Liebhaber zumuten. Die Quinta da Rochinha ist so ein Fall; ein kleines, properes Landhaus an der Steilküste bei Ponta do Sol mit Blick über Dorf, Meer und Bananenplantagen. »Wir wollten die charakteristischen Terrassen erhalten«, sagt der Besitzer André Diogo, Anfang 40, schlank, elegant und im Freien nur mit Armani-Sonnenbrille zu sehen. »Mehr aber auch nicht.« Mit seiner Familie hat er sich fast überworfen, als er ein weißes transparentes Geschachtel an und über die Klippe hängte, das mit der Quinta durch Turm und Brücke verbunden ist. Es wirkt fremd, aber lustig und sehr leicht, holt Licht, Himmel und Wasserfarben ins Haus. Der randlose Pool sieht aus, als flösse er ins Meer und als könnte man mit ein paar Zügen über ihn hinaus in die offene See schwimmen.

Quelle: www.zeit.de

 

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